Ja, als Fussballfanatiker hat man es oft nicht leicht. Der Schiri pfeift komplett willkürlich, die Torschüsse gehen nicht ins Tor, das gegnerische Team hat eigentlich keine Chance, geht aber trotzdem mit 1:0 in Führung,…. Noch etwas dramatischer ist zurzeit die Lage bei Platense. Nach der Winterpause gingen alle drei Spiele verloren. Die Abgänge mehrerer Stammspieler scheinen nicht kompensierbar zu sein und mittlerweile findet sich das Team im Abstiegskampf wieder.
Gestern war mal wieder Fussballzeit. Diesmal machte ich mich ganz alleine auf den Weg ins Stadion. Ca. 45 Minuten vor Anpfiff war am Stadion noch überhaupt nichts los. In Argentinien ist es völlig normal erst in den letzten 15 Minuten vor dem Anpfiff ins Stadion zu pilgern. Und so bummelte ich ein wenig durch die Gegend und traf ein paar Bekannte der Platense-Presse. Da mein Spanisch mittlerweile etwas besser ist, konnte ich mich diesmal auch schon richtig mit ihnen unterhalten. Eine Frau erzählte mir, dass sie letztes Wochenende einen 20 stündigen Bustrip nach Mendoza auf sich genommen hat, um dort mitzuerleben, wie das eigene Team mit 0:4 untergeht. Trotzdem war sie bester Laune und glaubte heute fest an einen Sieg. Das nenne ich positiven Fanatismus! In den besagten 15 Minuten vor Anpfiff füllte sich auch das Stadion mehr und mehr. Diesmal war es etwas voller als beim vergangenen Heimspiel und einige hatten sogar riesige Trommeln, namens Bombos mit dabei. Die Stimmung war super, das Wetter auch und sogar der rasen wurde im Vergleich zum letzten Heimspiel deutlich nachgebessert. Auch das Spiel begann sehr vielversprechend. Platense nahm sofort das Heft in die Hand, kombinierte und spielte ansehnlichen Offensivfussball. Leider konnte keine der guten Tormöglichkeiten verwertet werden. Nach ca. 15 Minuten allerdings schien das Team die Lust am Fussballspielen zu verlieren. War ja auch ziemlich heiß. Kein Spielaufbau, keine Kombinationen, Flügelspiel schonmal gar nicht und der Abschluss, wenn überhaupt, absolute Katastrophe. Wenn mal etwas ging dann über Einzelaktionen oder Standards. Das Publikum wurde mit zunehmender Spieldauer wütend und begann damit neben dem Schiedsrichter auch eigene Spieler auszupfeifen oder als Hurensöhne zu beschimpfen. In Hälfte zwei wurde es noch schlimmer, denn auf einmal kam auch das andere Team zu Torchancen und zack stand es auf einmal 0:1. Platense brach darauf hin komplett zusammen und agierte noch planloser al zuvor. Das andere Team hatte es wirklich nicht schwer die Führung über die Zeit zu schaukeln.
Es tut schon weh, diesen sympathischen Club so leiden zu sehen. Alles wäre halbwegs erträglich, wenn man zumindest einen gewissen Kampf der Spieler erkennen könnte. Trotzdem war es insgesamt wieder ein schönes Erlebnis. Ich schloss einige neue Bekanntschaften und die Atmosphäre ist einfach immer wieder begeisternd. Auf alle Fälle werde ich den Club weiterhin unterstützen so gut ich es kann. Und mit Leiden kenne ich mich als langjähriger St.Pauli Fan ja sehr gut aus.
Was gibt es sonst noch neues? Die letzte Woche war mal wieder voller spannender Erlebnisse. Mittwoch ging es mit ein paar Leuten nach Chinatown, das ist eigentlich nur eine kleine niedliche Straße, mit vielen Chinashops und Restaurants. Dort habe ich erst einmal groß eingekauft, wie zum Beispiel Tofu und andere vegetarische Produkte, die man sonst nur sehr schwer, bzw. gar nicht findet. Essen war auch lecker. Eine riesige Tofuplatte mit scharfer Soße… Danach ging es spontan weiter nach „Palermo Hollywood“. Palermo ist ein riesiger Stadtteil, der sich daher in vier Teile unterteilt. „Hollywood“ ist einer von ihnen, wahrscheinlich auch der vornehmste. Hier paaren sich vornehme Restaurants neben kleinen Designerboutiquen, dazu gibt es wunderschöne Parks und viele Menschen sind unterwegs. Auf dem Weg trafen wir zwei Mädels mit einer Gitarre. Diese war auf einmal im Arm von Ben aus meinem Spanischkurs, der auf einmal damit Begann wie ein Bekloppter mit dem Ding zu spielen und irgendwelchen sinnlosen Quatsch auf Spanisch zu singen. Das Schauspiel ging ca. 5 Minuten und ich habe in meinem Leben selten so viel gelacht. Davon gibt es auch ein Video, ich hoffe ich kann da irgendwie rankommen, dann stelle ich das hier online. Irgendwann fanden wir eine schöne Bar mit Dachterrasse. Von dort aus konnten wir nicht nur die atemberaubende Mondfinsternis beobachten, sondern führten auch für ca. 2 Stunden eine hochphilosophische Konversation. Auf Spanisch wohlgemerkt. Insgesamt ein toller Abend.
Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen. Zuerst stand die schriftliche Abschlussprüfung meines Spanischkurses an (lief ziemlich gut) und danach ging es mit allen Spanischkursen zusammen auf eine Kajaktour nach Tigre. Tigre liegt am nordwestlichen Rand des Ballungsraumes von Buenos Aires und direkt am Delta des Río Paraná, der in den Río de la Plata mündet. Auf den Inseln des Deltas gibt es zahlreiche Sportclubs, Restaurants und auch einen Freizeitparkt. Das Wetter war perfekt, die Stimmung ebenfalls. Die Kajaktour war auch absolut Traumhaft. Obwohl Tabea und beide zum ersten Mal in ein Kajak gestiegen sind, haben wir trotz einiger Anfangsschwierigkeiten das Kajak ganz gut unter Kontrolle bekommen. Die Flusslandschaft war Traumhaft und viele Boote von unterschiedlicher Größe waren unterwegs. Nach der Kajaktour selber gab es dann in einem kleinen Restaurant noch ein paar Biere und Empanadas. Fast ein perfekter Tag... bis ich irgendwann in den Spiegel schaute und feststellte, wie rot mein Kopf war. Natürlich war ich zu cool, um mich mit Sonnencreme einzuschmieren und ich hatte mir einen richtig knackigen Sonnenbrand eingefangen. Abends ging es dann noch für ca. 1-2 Stunden in eine Bar, die sich auf einmal in eine Disco verwandelte. Die Musik war arg schlecht und das Bier für Argentinien viel zu teuer. Hier trafen Tabea und ich noch eine andere Deutsche, die jetzt ein Jahr in Argentinien ist und in den nächsten Tagen nach Hause fliegt. Ihr Plan lautete: „Ich werde zurück kommen, ich werde Argentinierin werden. Oh mein Gott ich beneide euch so.“ Halleluja! Ich bin mal gespannt wie es Tabea und mir in einem Jahr ergeht.
Freitag war dann der letzte Tag meines Spanischkurses, der sich insgesamt sehr gelohnt hat, nicht nur sprachlich. Die Lehrerin konnte viele hilfreiche Tipps zum Leben und Reisen in Argentinien geben. Abgeschlossen habe ich den Kurs mit einer Note von 8/10. Damit bin ich überglücklich, denn so rücke ich jetzt in den Intermedio-Kurs auf und darf dadurch die an der Uni die Politikvorlesungen belegen.
Heute Abend treffe ich mich noch mit Tabea und Miles, einem wirklich sympathischen Ami aus unserem Spanischkurs, um unsere Reise nach Bariloche zu planen. Nach der Orientierungswoche haben wir noch eine Woche frei, bis die Uni beginnt. Und da Bariloche am nördlichen Rand von Pantagonien, der argentinischen Schweiz befindet, ist es ratsam dorthin zu reisen solange es noch einigermaßen warm ist. Geplant ist ein 20 stündiger Bustrip, jeweils hin und zurück. Ich halte euch auf dem Laufenden!
Anbei noch ein paar Fotos von der Exkursion nach Tigre.
Lasst was von euch hören und machts richtig gut!
Euer Nico
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