Nach dem feucht fröhlichen Abend Samstagabend verabredete ich mich Sonntag erstmal mit Tabea, um die Gegend in der wir wohnen ein bisschen besser zu erkunden. Ganz oben auf unserer Liste stand der Friedhof in Recoleta. Auf diesen Friedhof, eine der größten Sehenswürdigkeiten, befinden sich die Ruhestätten vieler berühmter und reicher Argentinier. Unter anderem alle argentinischen Staatspräsidenten und natürlich die Nationalheldin Evita Perón. Und die Reiseführer haben nicht zu viel versprochen. Der Friedhof ist wirklich eine Attraktion. Die Toten werden in ihren Familienkapellen untergebracht. Jede dieser Kapellen ist im Grunde genommen ein eigenes Kunstwerk. Wenn mein Spanisch etwas besser ist mache ich hier auf jeden Fall nochmal eine Führung mit. Direkt neben dem Friedhof lagen ein unglaublich schöner Markt und ein kleiner Park, in dem eine Reggeaband spielte. Viele Menschen waren dort unterwegs und es herrschte eine tolle Atmosphäre. Ein wunderschönder und entspannter Ausflug, genau richtig für einen verkaterten Sonntag.
Montag, direkt nach dem Spanischkurs, folgte meine bisher schönste Erfahrung in Argentinien. Das erste Mal Fussball, im Stadion von Platense. Tabea, die eigentlich kein Fussballfan ist, konnte ich auch dazu animieren mitzukommen. Natacha hatte mir schon erzählt, dass viele Leute mich treffen wollen und wir vor dem Spiel noch in der Presseabteilung, in der sie sich freiwillig engagiert, vorbeischauen würden. Das Stadion liegt einige hundert Meter außerhalb des riesigen Stadtzentrums von Bs As, direkt an einer großen Verkehrsstraße, inmitten einer dicht besiedelten Wohngegend. 1 ½ Stunden vor Anpfiff war noch erstaunlich wenig los. Mir wurde erklärt, dass man in Argentinien erst ca. eine halbe Stunde vor Anpfiff ins Stadion geht. Das erste Aha-Erlebnis geschah am Kartenschalter. Einer der Verkäufer trug eines der bekannten „Weltpokalsiegerbesieger“ Shirts. Nachdem wir Tickets und Presseausweise besorgt hatten, trafen wir zunächst auf „Chino“, den Leiter der Platensepresse. „Chino“ ist ein extrem herzlicher und kräftig gebauter Mensch. Dazu ein großer St.Pauli Fan. Angeblich soll er mal gesagt haben, er sei im falschen Land geboren worden. Er begrüßte mich, wie eigentlich alle hier extrem herzlich und freute sich riesig über die von mir mitgebrachten St.Pauli-Shirts. Eines zog er sofort an. Die Platensepresse innerhalb des Stadions ein kleines Haus. Während des Spiels wird über der Sitzplatztribüne gearbeitet, wo Fernsehen und Radio mit Informationen, Aufstellungen, etc. versorgt werden. Dort oben trafen wir noch mehr Mitglieder der Presseabteilung, von denen mir alle ihre Sympathie zu St.Pauli bekundeten. Ein junger Mann berichtete mir sogar, dass er weinen musste, als er das Video gesehen hat, wie St.Pauli gegen Bayern aus dem DFB-Pokal ausschied. Wow!! Mit soviel Zuneigung und Sympathie hatte ich gar nicht gerechnet. Dort oben durfte ich auch zum ersten mal Mate, das argentinische Nationalgetränk kosten (siehe Foto). Mate ist eine Art Teegetränk und Kräutermix, das tierisch gesund sein soll, den das Hungergefühl mildert und ungeahnte Kräfte freisetzt. Wenn man sich erstmal an den intensiven Geschmack gewöhnt hat, ist es sogar ganz lecker.
Nach vielen Umarmungen und Sympathiebekundungen ging es dann in den Fanblock. Mittlerweile war es 20 Minuten vor Anpfiff und immer mehr Menschen pilgerten ins Stadion. Das Stadion Ich war sehr gerührt, wie viele hier St.Pauli Shirts und Trikots trugen und fühlte mich auch hier gleich wie zu Hause. Wegen des ungünstigen Spieltermins (Montagabend 21:00 und Urlaubszeit), trieb es nur ca. 3-4000 Fans ins Stadion. Das Stadion besteht, ähnlich wie das alte Millerntor, zu 75% aus Stehplätzen und hat trotz seines Bruchbudencharakters einen enormen Charme. Auswärtsfans sind nach unzähligen Krawallen mit Toten in der zweiten argentinischen Division leider nicht mehr zugelassen. Was die Zuschauer jedoch an Stimmung veranstalten, übertraf all meine Erwartungen. Hier wird 90 Minuten gesungen, gesprungen, getanzt, gebuht und vor allem geflucht. Alle Vereine, die in Deutschland meinem, sie betreiben guten Support, sollten hier mal vorbeischauen und sich dieses Spektakel geben. Fussball ist in Argentinien alles andere als ein Hobby oder eine Freizeitbeschäftigung, sondern wird gelebt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Fussball für viele Menschen hier eine Religion ist. Nicht umsonst hat Diego Maradonna seine eigene Kirche.
Das Spiel selber ging leider mit 2:3 verloren, nicht zuletzt mit großer Unterstützung des Schiedsrichters, der innerhalb von 10 Minuten zwei Elfmeter für den Gegner pfiff. Was fussballerisch geboten wurde, war in der Tat kein Hochgenuss. Ich würde sagen, ungefähr vergleichbar mit der 4. Liga in Deutschland. Die Spieler sind allesamt dribbelstark und ziemlich flink, aber grottenschlecht im Passspiel und Abschluss. Taktik? Nein danke! Einfach mal drauf loskicken und schauen was passiert. Leider haben einige Leistungsträger den Verein verlassen, weil dieser Schwierigkeiten hatte die Gehälter zu bezahlen. Auch werden zurzeit fleißig Spenden für den Rasen des Trainingsgeländes gesammelt…
Trotz des unglücklichen Ausgangs war es für mich ein unheimlich schöner und aufregender Abend. Der Verein und seine Anhänger haben jetzt schon ihren Platz in meinem Herzen sicher und ich freue mich jetzt schon auf die vielen Spiele, die ich hier noch erleben werde. Die Gesänge haben sich mittlerweile als Ohrwürmer in meinen Kopf gebrannt!
Falls ihr euch mal einen Eindruck der Atmosphäre verschaffen wollt, empfehle ich euch folgende Videos auf Youtube:
http://www.youtube.com/watch?v=wSIqoHUM_i8
http://www.youtube.com/watch?v=GT2c6gi5ddc&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=p9ib9voKtY0
http://www.youtube.com/watch?v=Z5ADvDn5Kg4
http://www.youtube.com/watch?v=v1XLbCvWXYI
Na habt ihr nicht Lust mal vorbeizuschauen!!???
Also, ich wünsche ich alles Gute!
Nicolas!
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